Ab Mai startet in Berlin die Implementierung eines neuen Überwachungssystems,: KI-gestützte 24-Stunden-Live-Videoüberwachung an sogenannten „kriminalitätsbelasteten Orten“. Hinter dieser technokratischen Begrifflichkeit verbirgt sich eine massive Ausweitung staatlicher Überwachung. Los geht’s am Kotti. Der Pilotbetrieb wird zur Probe dafür, wie weit sich algorithmische Kontrolle im Alltag verankern lässt.
Wo und wann?
Zunächst sollen an vier der sieben offiziell bezeichneten „KBOs“ Kameras installiert werden:
- Kottbusser Tor
- Görlitzer Park / Wrangelkiez
- Warschauer Brücke
- Alexanderplatz
Die restlichen drei Standorte — Rigaer Straße, Hermannplatz / Donaukiez und Hermannstraße / Bahnhof Neukölln — sollen nach einer ersten „Bewertungsphase“ folgen. Spätestens am 20. Juli 2026 beginnt der “Probeechtbetrieb” am Kottbusser Tor, wo die neue Technik getestet und bewertet werden soll.
Was genau wird installiert?
Geplant ist ein dichtes Netz an hochauflösenden Kameras, die auch bei Dunkelheit und schlechten Lichtverhältnissen Gesichter, Kleidung, Gegenstände und Bewegungen klar erfassen können. Die technischen Anforderungen:
- Pixeldichte von mindestens 250 px/m
- Bildrate von 12,5 fps
- Einsatzbereich zwischen 0 und 100 000 Lux
- Betriebstemperatur –20 °C bis +50 °C
Damit ist eine lückenlose Beobachtung möglich, auch wenn schnelle Bewegungen oder verdeckte Blickwinkel die Erkennung etwas einschränken.
Was kann die KI?
Die künstliche Intelligenz soll Personen erkennen, Bewegungen bewerten und bestimmte Szenarien „automatisch detektieren“. Mindestens erkennen muss das System
- stürzende oder liegende Personen,
- körperliche Auseinandersetzungen wie Schlagen oder Treten.
Gewünscht wird sich, dass die KI auch folgendes kann:
- zurückgelassene Gegenstände identifizieren und die abstellende Person verfolgen,
- Waffen und Messer erkennen,
- Beschädigungsversuche an Zäunen, Toren und Infrastrukturobjekten erkennen,
- das Anbringen, Entwenden oder Manipulieren von Objekten an Infrastruktur feststellen,
- Kletterversuche an Zäunen, Mauern und Absperrungen erkennen,
- Wurfbewegungen detektieren und geworfene Objekte klassifizieren,
- verdächtige Handlungen an abgestellten Fahrrädern und E-Scootern identifizieren,
- Graffiti- und Schmierhandlungen erkennen.
Offiziell ist zwar eine biometrische Fernidentifizierung oder automatisierte Auslösung von Maßnahmen „ausgeschlossen“. Doch die Infrastruktur, die solche Anwendungen künftig ermöglichen könnte, wird hier bereits geschaffen.
Ausleuchtungspläne: Wo genau gefilmt wird
Kottbusser Tor (Phase 1a):
- Nördliche Seite des U-Bahn-Viadukts bis Reichenberger Str. 176 (inkl. Durchgang zur Dresdener Str.)
- Rückzugs- und Angsträume, insbesondere als Drogenumschlag bekannte Bereiche
- U-Bahn-Zugänge
- Vorbauten Adalbertstraße 97/98 und Reichenberger Str. 175/176 (wegen unübersichtlicher Areale)
- Abstimmung mit sozialen Trägern und Bezirksamt zur Berücksichtigung „sozial empfindlicher Belange“
Warschauer Brücke (Phase 1b):
- Warschauer Straße mit Brückenbereich, besonders der nordwestliche Gehweg
- Zuwegungen zur Uber Arena, East Side Mall, UCI Kino und zum RAW-Gelände
- Fahrradabstellanlage nördlich des S-Bahnhofs
Görlitzer Park / Wrangelkiez (Phase 2):
- Hochfrequentierte Ein- und Ausgänge des Parks
- Querungswege zwischen Reichenberger- und Wrangelkiez
- Bereiche entlang der modernisierten Umfriedung (Zaunanlagen)
Alexanderplatz (Phase 2):
- Konkrete Kamerastandorte werden im weiteren Projektverlauf ermittelt
Was passiert mit den Daten?
Bilddaten sollen laut Gesetz einen Monat gespeichert werden. In dieser Zeit können sie von den Behörden ausgewertet werden. Über die genauen Zugriffsrechte, internen Kontrollmechanismen oder Löschprotokolle liegen bislang kaum Informationen vor.